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Wenn Sie mit einer Maßnahme der Strafverfolgungsbehörden konfrontiert werden, ist überlegtes Handeln angeraten,
um den damit ohnehin schon entstandenen Schaden für die eigene Person gering zu halten. Erste Hilfe

Resozialisierung – ein zu Recht geschmähter Strafgrund?

Letztes Jahr verteidigte ich einen Heranwachsenden aus einer Kleinstadt im Osten Frankfurts vor dem Jugendschöffengericht. Der Angeklagte hatte sich einer ganzen Reihe nur schwerlich als Verfehlungen aus jugendlichem Übermut zu charakterisierenden Straftaten schuldig gemacht. Neben gemeinschaftlichem versuchten Diebstahl mit Waffen, der Hehlerei sowie des Missbrauchs von Notrufen auch wegen Störungen des öffentlichen Friedens – hier war Gegenstand die Ankündigung, eine Schule in Brand zu setzen – wurde er rechtskräftig verurteilt.

Schon während des laufenden Verfahrens verbrachte der Angeklagte mit marokkanisch-deutschen Wurzeln einige Monate in der Untersuchungshaft Daran schloss sich während des Prozesses bereits eine längere Zeit in einem Jugendhaus im Norden Hessens an  ,wo er in Fortsetzung der strengen Regeln, die in der Untersuchungshaft herrschten, einen geregelten, mit vielen Pflichten und Arbeit versehenen Tagesablauf kennen und wohl auch lieben lernte. Auch im Hinblick darauf hatte das Jugendgericht die Gesamtjugendstrafe zur Bewährung ausgesetzt.

Aus welchem Grunde ist mir dieser Fall so gut in Erinnerung geblieben?

Gerade in der letzten Zeit werden in der Bevölkerung immer wieder die Rufe nach strengeren und härteren Strafen laut. lchen Anteil daran die Darstellung und Kommentierung von Strafverfahren in den Medien hat und inwieweit auch die Verunsicherung in Bezug auf gesellschaftliche Umwälzungen, sei zunächst einmal dahingestellt. Die Legitimation des Staates, überhaupt Strafen gegen Jugendliche und Erwachsene verhängen, fußt auf verschiedenen rechtsstaatlichen Pfeilern.

Zum einen gibt es die Spezial- und Generalprävention: Durch die Verhängung von Strafen schrecke, so die Theorie, der Einzelne davor zurück, sich straffällig zu verhalten, gleichzeitige fühle sich die Allgemeinheit durch Verhängung von Strafen Im Falle von Übertretungen des Gesetzes in ihrem Verständnis der Rechtsordnung bestätigt. Auch die schon in der Urzeit immer wieder bemühte Vergeltung ist Bestandteil des Strafanspruchs.

Die Resozialisierung, häufig als "grünes Argument" oder  Ausfluss der freiheitlichen Bewegung der 1960er Jahre abgetan, dürfte wenige Staatsbürger überzeugen und sich keiner allzu großer Zustimmung erfreuen. Für sie die Lanze zu brechen ist zwar nicht meine Absicht, indessen sollte nicht verkannt werden, dass Strafe im Sinne von Erziehung - und dies gilt insbesondere schon von Gesetzes wegen für das Jugendstrafrecht – auch für die Zukunft des friedlichen Zusammenlebens der Allgemeinheit nach wie vor von großer Bedeutung ist. Den Angeklagten erlebte ich während des gesamten Verfahrens als unreifen Jungen, der nicht nur gegenüber dem Gericht, sondern auch mir gegenüber stets den Eindruck erweckte, Halt zu suchen. Glückliche Fügungen und wohl großes Engagement der Behörden führten dazu, dass er seinen Verbleib in der Einrichtung in Nordhessen fortsetzen konnte. Bei einer Unterredung noch während des Verfahrens äußerte er einmal schüchtern mir gegenüber, er wolle allzu gern Flugzeugtechniker werden und hierfür seine Mittlere Reife nachholen.

Das Verfahren war Ende 2014 abgeschlossen. Im Sommer 2015 vor wenigen Tagen klingelte, so würde man es in der Zwangsvollstreckung nennen, zur "Unzeit" gegen 19.30 Uhr das Telefon in der Kanzlei. Das Sekretariat war schon lange nicht mehr besetzt, ich ging ans Telefon – es war eben mein Mandant.

Er wolle sich noch einmal für meine Mühe Betreuung und Vertretung bedanken. Es gehe ihm in der Einrichtung in Nordhessen nach wie vor gut und in Kürze stehe der Abschluss zur Mittleren Reife an. Nach wie vor habe er den Traum nicht aufgegeben, eine technische Ausbildung in der Luftfahrt zu machen.“

Ich kann nicht abschließend sagen, wie der Leser diese späte Rückmeldung meines ehemaligen Mandanten bewertet.

Mich hinterließ sie vor allem eines – hoffnungsvoll und im Einklang mit unserer Rechtsordnung!


Constanze Trautermann
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Strafrecht